Die Stadt Andernach (30.000 Einwohner) in Rheinland-Pfalz – bekannt als essbare Stadt Andernach – geht neue Wege in ihrer Grünplanung: städtische Grünflächen werden für die urbane Landwirtschaft genutzt. Die Idee ist, dass das städtischen Grün im Rahmen einer nachhaltigen Stadtentwicklung nicht nur ästhetische Funktionen übernimmt, sondern auch ökologische und ökonomische. Zudem sollen die Bürger sollen für ihre städtischen Grünflächen sensibilisiert werden; sie werden in Nutzung und Pflege eingebunden. „Pflücken erlaubt“, statt „Betreten verboten“.

2008 wurde in einem Vorort in Zusammenarbeit mit der örtlichen Qualifizierungsgesellschaft Perspektive gGmbH eine ehemals intensiv landwirtschaftlich genutzte Fläche umgestaltet. Die Fläche dient heute als Naturschutz-Ausgleichsfläche. Sie wird extensiv landwirtschaftlich bewirtschaftet, dient zusätzlich der Umweltbildung und der Naherholung.

Das als „Lebenswelten“ initiierte Projekt hat seine besondere Bedeutung in dem Zusammenwirken der Einzelteile, wobei der Anbau von Obst und Gemüse in Anlehnung an das Konzept der Permakultur im Vordergrund steht. Verschiedene „Disziplinen“ werden integriert und Synergieeffekte geschaffen: Land- und Forstwirtschaft, Ökologie, Naturschutz, Wassernutzung. (Boomgarden)

Die von der Qualifizierungsgesellschaft erzeugten Produkte werden in der Fußgängerzone des essbaren Stadt Andernach verkauft.

Essbare Nutzpflanzen im Stadtgebiet

Doch in der Innenstadt wird nicht nur Obst und Gemüse verkauft, auf vielen ehemaligen Blumenbeeten und Rasenflächen wachsen heute Nutzpflanzen. Der Anfang wurde im Jahr 2010, dem Jahr der Biodiversität, gemacht: Am Fuß der Stadtmauer, wurden Beete mit 100 verschiedenen Tomatensorten angelegt. So sollte die Aufmerksamkeit auf die schwindende biologische Vielfalt im Bereich der Nutzpflanzen gelenkt werden.

Dabei gilt es auch in der Stadt als „Lebens”-mittelpunkt wieder „Lebens“-mittelerlebbar zu machen. Zudem ist es Ziel, städtische Flächen multifunktional zugestalten, so dass auch ein Nutzaspekt anvisiert wird. Auch soll die städtische Bevölkerung hierdurch mehr für das öffentliche Grün sensibilisiert werden und wie im hier beantragten Bürgergarten auch in die Nutzung und Pflege eingebunden sein. So wird angestrebt, das Konzept „Schutz durch Nutzung“ auch in der Stadt umzusetzen. Das städtische Grün wird nicht nur für die Augen, sondern auch für die weiteren Sinne durch Duft und Geschmack erlebbar gestaltet. (Boomgarden)

2011 waren Bohnen das Leitthema, 2012 soll es der Lauch werden. In anderen Bereichen der Stadt gibt es Beete mit Mangold, Kürbissen und Zucchini. Selbst ein kleiner Weinberg wurde in der Stadt angelegt. Wein hat sich zudem als sinnvolle und essbare Möglichkeit zur Begrünung von Hausfassaden herausgestellt. Geplant ist es in der Stadt Mandel-, Pfirsichbäume und Esskastanien zu pflanzen. Doch nicht nur das Auge isst mit: Die Früchte des städtischen Grüns werden von den Bürgern geerntet und verspeist. Vandalismus gibt es kaum – im Gegenteil: Mit der neuen Nutzung der Grünflächen treten die Bürgern diesen auch mit neuer Wahrnehmung und neuem Respekt entgegen.

Quellen
Rasper, Martin (2012): Vom Gärtnern in der Stadt. Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt. München: oekom. (speiseraeume-Besprechung)
Kosack, Lutz et al. (2011): Urbane Landwirtschaft, die essbare Stadt in Andernach. Gartenakademie Rheinland-Pfalz, Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz (Das Grüne Blatt, 1).

Weiterführend
Stierand, Philipp (2012): Stadtentwicklung mit dem Gartenspaten: Umrisse einer Stadternährungsplanung (eBook)