Was ist urbane Landwirtschaft?

Was ist urbane Landwirtschaft?

by Philipp Stierand on 29. Dezember 2009

Definition

Urbane Landwirtschaft ist die Nutzung von Land in Ballungsräumen oder dessen Peripherie zum Anbau von Lebensmitteln. Die Nutzung erfolgt in der Regel für den Eigenbedarf und ist eng mit dem Sozialleben, den ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufen der Stadt verbunden.

Formen urbaner Landwirtschaft

  • Kleingärten
  • Hausgärten
  • Dachgärten
  • Gemeinschaftsgärten
  • Community Supported Agriculture
  • Gemüseselbsternte

Möglichkeiten urbaner Landwirtschaft

  • Awareness schaffen: Intensive Beschäftigung mit Lebensmitteln, Umwelt und dem Raum
  • Ernährung sichern: Versorgung mit frischen Lebensmitteln
  • Bildung fördern: Steigerung fachlicher Kompetenzen
  • Soziales miteinander fördern: Gemeinschaftliches Arbeiten, Steigerung sozialer Kompetenzen
  • Einfacher Start: Niedrige Einstiegshemmnisse, Start auch ohne große Infrastrukturen und große Kompetenzen möglich
  • Neue Nutzung schaffen: Neues Leben für öffentliche Räume und Brachen,
    Besetzung des öffentlichen Raumes durch Bewohner
  • Schnelle Erfolge: “Und weil wir keine Berge verschieben können, erinnern wir uns, dass wir Pflanzen aussähen können.”
  • Sichtbarkeit: Sofort sichtbare Veränderung

Weitere Artikel zur Urbanen Landwirtschaft | Quellen, Links

Landwirtschaft als wichtigster Flächennutzer

Die Landwirtschaft ist einer der größten Flächennutzer. 50 % der Fläche Deutschlands werden von ihr genutzt. In der Wirtschaftsstatistik dagegen spielt sie eine untergeordnete Rolle: Die Landwirtschaft hat gerade 1,1 % Anteil an der deutschen Bruttowertschöpfung. „Ferner ist sie – richtig betrachtet – zu 100 Prozent Voraussetzung einer jeden Wertschöpfung in unserer Gesellschaft: Mögen wir uns noch so sehr als postindustrielle Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft definieren – leben tun wir immer noch von der Landwirtschaft und ihren Produkten: den Lebensmitteln.“ (Schneider/Geißler 1995: 3) Das Baugesetzbuch definiert den Begriff der Landwirtschaft wie folgt:

Landwirtschaft im Sinne dieses Gesetzbuchs ist insbesondere der Ackerbau, die Wiesen- und Weidewirtschaft einschließlich Tierhaltung, soweit das Futter überwiegend auf den zum landwirtschaftlichen Betrieb gehörenden, landwirtschaftlich genutzten Flächen erzeugt werden kann, die gartenbauliche Erzeugung, der Erwerbsobstbau, der Weinbau, die berufsmäßige Imkerei und die berufsmäßige Binnenfischerei. (§201 BauGB)

Unterschiedliche Definitionen

Ende der 1990er Jahre wurde die Entwicklungspolitik auf „Urban Agriculture“ aufmerksam (vgl. insbesondere UNDP 1996, Bakker 2000). „Urban Agriculture“ wird hier definiert als

an industry that produces, processes and markets food and fuel, largely in response to the daily demand of consumers within a town, city or metropolis, on land and water dispersed throughout the urban and peri-urban area, applying intensive production methods, using and reusing natural resources and urban wastes, to yield a diversity of crops and livestock. (UNDP 1996: 3, vgl. auch Cruz/Aguila 2000: 4)

Diese Definition hat, insbesondere wenn sie auf Europa übertragen wird, das Problem, dass auf städtischem Gebiet auch Landwirtschaft betrieben wird, die sich grundsätzlich in ihrer Form nicht von ländlicher Landwirtschaft unterscheidet.  Mougeot (2000: 9) unterscheidet daher städtische und ländliche Landwirtschaft über die Integration in das Wirtschafts- und Ökosystem der Stadt. Lohrberg schlägt vor, die stadtnahe Landwirtschaft nach ihrer Innovationsfähigkeit und wirtschaftlichen Dynamik zu unterscheiden. Die ruralen Formen der Landwirtschaft finden sich nach Lohrberg (2001a: 163) in der Übergangszone zum städtischen Umland. Auf vergleichsweise großen, zusammen-hängenden Flächen wird hier Ackerbau mit einem hohen Maschineneinsatz betrieben. Die urbane Landwirtschaft verteilt sich über das Stadtgebiet und hat nur einen begrenzten Bezug zum Naturraum. Sie ist gezwungen auf das Wachstum der Siedlungen flexibel zu reagieren (vgl. Lohrberg 2001a: 163).

Urbane Landwirtschaft in der South Bronx

Stadtnah und Urban

Hier soll in stadtnahe und urbane Landwirtschaft unterschieden werden. Stadtnahe Landwirtschaft ist die Bewirtschaftung von Land durch landwirtschaftliche Betriebe im Ballungsraum oder in dessen Peripherie, „wo die wirtschaftliche und soziale Betätigung direkt durch die Stadt und ihre Ausdehnung beeinflusst werden.“ (OECD 1979: 15) Anbaumethoden und Vermarktungswege gleichen in Grundzügen denen ländlicher Landwirtschaft. Urbane Landwirtschaft ist die Nutzung von Land in Ballungsräumen oder dessen Peripherie zum Anbau von Lebensmitteln. Die Nutzung erfolgt in der Regel für den Eigenbedarf und ist eng mit dem Sozialleben, den ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufen der Stadt verbunden. „Wenn auch die Gunst des Naturraums nach Möglichkeit gesucht wird, so ist doch die Nähe zur Bebauung das wichtigere Standortkriterium.“ (Lohrberg 2001a: 163). Stadtnahe Landwirtschaft ist beispielsweise Getreideanbau in städtischen Regionen, urbane Landwirtschaft beispielsweise ein Kleingarten mit Gemüsebeeten. Auch andere Gartenformen, wie Hausgärten,  Dachgärten oder gemeinschaftlich genutze Gärten zählen zur urbanen Landwirtschaft. Community Supported Agriculture und Selbsternteparzellen sind eigentlich eher stadtnahe Formen der Landwirtschaft, die jedoch besonders wegen des starken Einbezugs der Verbraucher zur Urban Agriculture gezählt werden.

Schnelle Erfolge, reiche Ernte

Urbane Landwirtschaft spielt bei vielen Projekten zu regionalen/lokalen Ernährungssystemen eine große Rolle. Mit urbaner Landwirtschaft lassen sich Projekte umsetzen, die eine vergleichsweise niedrige Einstiegshürde aufweisen. Für den Anfang reicht etwas Platz, Erde und ein paar Samen. Es braucht keine großen Infrastrukturen, keine politischen Veränderungen. Zudem zeigen sich die ersten Ergebnisse schon relativ schnell: Erste Veränderungen sind nach ein paar Tagen zu sehen, den Erfolg kann man schon nach ein paar Monaten ernten. Urbane Landwirtschaft verändert den öffentlichen Raum sofort, quasi mit dem ersten Spatenstich. Sie schafft völlig neue Nutzungsmöglichkeiten, neue Aufenthaltsqualitäten und dient unübersehbar als Denkmal, für diejenigen, die an ungewohnter Stelle über Lebensmittel stolpern. Die gemeinsame Arbeit in der urbanen Landwirtschaft schafft es kulturelle und sprachliche Schranken überspringen. In das gemeinsame Gärtnern kann jeder kulturelles und traditionelles Wissen einbringen. Unabhängig vom Bildungsstand ist jeder mit seinen individuellen Qualifikationen von Nutzen. So eignet sichurbane Landwirtschaft als Kristallisationspunkt für die Bildung von Gemeinschaften und als Einstieg in die Berufsbildung.

Und um das eigentliche Produkt nicht zu vergessen: Urbane Landwirtschaft kann die Versorgung mit frischen, saisonalen und einheimischen Obst und Gemüse unterstützen. Sie führt zu einer intensiveren Beschäftigung mit Lebensmitteln, der Ernährung und dem eigenen Lebensraum.

Titelbild

Commercial District Oasis, CC by anyone_anywhere

Überarbeiteter Auszug aus

Philipp Stierand (2008): Stadt und Lebensmittel. Die Bedeutung des städtischen Ernährungssystems für die Stadtentwicklung. Dissertation. Detaillierter Quellennachweis im Literaturverzeichnis dort.

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