Wenn es um Ernährung in der Stadt, eine kritische Diskussion des aktuellen Ernährungssystems und um Alternativen dazu geht, wird inzwischen die urbane Landwirtschaft von Medien, Aktivisten und Wissenschaftlern stets prominent präsentiert.

Eine allgemein anerkannte Auslegung des Begriffs „urbane Landwirtschaft“ gibt es nicht. Trotzdem ist klar, dass nicht jede Landwirtschaft im städtischen Raum urban ist. Ein Maisfeld, auf dem Getreide für den Weltmarkt produziert wird, hat keine urbanen Qualitäten. Eine Unterscheidung in innerstädtische und urbane Landwirtschaft scheint daher sinnvoll (vgl. Stierand 2008: 74).

Urbane Landwirtschaft ist die Nutzung von Land in Ballungsräumen oder dessen Peripherie zum Anbau von Lebensmitteln. Die Nutzung erfolgt in der Regel für den Eigenbedarf und ist eng mit dem Sozialleben, den ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufen der Stadt verbunden. Für die Gärten ist die Nähe zur Bebauung ein wichtiger Standortfaktor, bewusst werden urbane Räume gesucht.

Städtische und stadtnahe Landwirtschaft ist die Bewirtschaftung von Land durch landwirtschaftliche Betriebe im Ballungsraum oder in dessen Peripherie. Die Landwirtschaft ist von der Stadt beeinflusst, Anbaumethoden und Vermarktungswege gleichen in Grundzügen denen der ländlichen Landwirtschaft.

Kleingärten

Hausgärten

Dachgärten

Gemeinschaftsgärten

Community Supported Agriculture

Gemüseselbsternte

Kritiker versuchen, die Bedeutung urbaner Landwirtschaft durch die Aussage zu relativieren, dass eine Subsistenz des städtischen Raums nicht möglich sei. Das stimmt grundsätzlich, trotzdem müssen hier zwei Sichtweisen unterschieden werden. Eine Person kann auf geschätzten 70 Quadratmetern ihren eigenen Obst- und Gemüsebedarf weitgehend decken (vgl. Heistinger 2011: 316). Das kann für Einzelne eine spürbare Entlastung des Haushaltsbudgets sein und zumindest eine gefühlte Unabhängigkeit erzeugen. In der gesamtstädtischen Perspektive geht es dann auch um die Produktion der Rohstoffe für die vielen verarbeiteten Lebensmittel und die Fleischproduktion – hier bleibt die Stadt (wie auch Deutschland insgesamt) Importeur (vgl. Wiegmann et al. 2005: 34–35).

Urbane Landwirtschaft
Landwirtschaft als rurale/ländliche, städtische/stadtnahe oder urbane Landwirtschaft

Was bringt urbane Landwirtschaft?

Um in der gesamtstädtischen Perspektive einen Nutzen der urbanen Landwirtschaft für den städtischen Raum zu erkennen, müssen die vielen anderen Produkte neben den Lebensmitteln mit in Betracht gezogen werden – wie Bildung, sozialer Zusammenhalt, Raumgestaltung und Mobilisation. Urbane Landwirtschaft kann vieles besser, als Lebensmittel zu produzieren. „Die Wiederentdeckung des Verlorengegangenen, des Kontakts mit der Erde und ihren Früchten, des Zeitwohlstands, der eigenen Gestaltung von Nahräumen und Sozialräumen – all diese individuellen Strategien aus der Zivilgesellschaft geben wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung […].“ (Müller 2011: 49)

… weil sie den Gärtnern und ihrem Umfeld einen anderen Umgang mit Lebensmitteln und Ernährung aufzeigt. Die eigene Produktion und Verarbeitung hat die Chance, Verständnis von und Wertschätzung für Lebensmittel zu steigern. Der Aufwand, die Saisons und der Geschmack können erlebt werden; es werden Qualitäten der Lebensmittel jenseits der Handelsqualität erfahrbar.

… indem sie Menschen in einer sehr ursprünglichen Arbeit zusammenführen kann. Viele bestehende Gemeinschaftsgärten fördern soziale Beteiligung und tragen zur Bildung lebendiger Gemeinschaften und Quartiere bei. Der Allgemeinheit stellen sie gemeinschaftlich gestaltete und gepflegte Grünflächen zur Verfügung. Dem Individuum geben sie Möglichkeiten zur Entfaltung und Entwicklung. Durch ihre Offenheit für Leute mit verschiedenen Hintergründen fördern sie die Integration und den Zusammenhalt. Die Möglichkeit, sich in gemeinschaftlichen Aktivitäten zu engagieren, steigert die Identifikation mit dem Quartier und fördert die Beteiligung am öffentlichen und politischen Leben (vgl. Iles 2005: 83-84).

Die urbane Landwirtschaft ist ein Raumgestalter. Für die Städte entstehen durch urbane Landwirtschaft Projekte, „die das Flächenangebot auf neuartige, oft unkomplizierte und kostensparende Art und Weise gestalten und benutzen.“ (BBR 2004: 5) Für die Bürger ist urbane Landwirtschaft eine sehr selbstbestimmte Form der Raumgestaltung. Jenseits von langen, fremdbestimmten Bebauungs- und Genehmigungsverfahren, von Baumaßnahmen, an denen man nur peripher mitwirken kann, wird hier Raum „do-it-yourself“ gestaltet. Urbane Landwirtschaft erzeugt mit dieser radikal anderen Nutzung eine neue Wahrnehmung des Stadtraums. Die Guerilla-Gardening-Bewegung, die heimlich Brachflächen und Baumscheiben begrünt, ohne davon einen individuellen Nutzen zu haben, zeigt, welche Ausstrahlung diese Art von Raumaneignung hat.

durch den Menschen sich mit städtischen Räumen auseinandersetzen. Ernährungsthemen liegen im Trend und erzeugen in der Bevölkerung und in den Medien große Aufmerksamkeit. Viele Menschen haben Lust, sich aktiv mit ihren Lebensmitteln auseinanderzusetzen. Das ist eine Dynamik, die auf Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen und des eigenen Umfelds gerichtet ist und die für Stadtentwicklungsprojekte genutzt werden kann.

Urbane Landwirtschaft zeigt vielfältiges Potenzial für die Stadtentwicklung, weit über die Produktion von Lebensmitteln hinaus. Hier aus Stadtplanungssicht das vordergründige Motiv der Gärtner, den Lebensmittelanbau, in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen, greift zu kurz: Bei der Produktion von Lebensmitteln im urbanen Raum geht es um Mitwirkung und Mitbestimmung, geht es um Raumaneignung und -gestaltung, geht es um das Ausprobieren neuer Arbeits- und Lebensformen, geht es letztlich um Empowerment und neue Governance-Ansätze. So ungewohnt und peripher das Thema Anbau von Gemüse für die moderne Stadt zu sein scheint, so zentral sind die Themen, die urbane Landwirtschaft für deren zukünftige Entwicklung thematisiert.

Überarbeiteter Auszug aus
Philipp Stierand (2012): Stadtentwicklung mit dem Gartenspaten. Umrisse einer Stadternährungsplanung. Detaillierter Quellennachweis im Literaturverzeichnis dort.