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Hochproduktive Landwirtschaft im historischen London

by Philipp Stierand on 4. Dezember 2012

Landwirtschaft in der Stadt scheint ein neues Phänomen. Dabei ist in den aktuellen Vorstellungen von modernen, fortschrittlichen Städten eigentlich kein Platz für Ackerbau- und Viehzucht. Selbst wenn sich im Zusammenhang mit der aktuellen Gartenbewegung der Begriff „Urbane Landwirtschaft“ eingebürgert hat, wird Landwirtschaft nur von den Wenigstens als Urban begriffen. Die Geschichte der europäischen Städte lehrt etwas anderes: Noch im gesamten 19. Jahrhundert war die Lebensmittelerzeugung selbst in Metropolen wie London und Paris zwingend innerstädtisch. Konservierung und Transport der meisten Lebensmittel war schwierig bis unmöglich. Stadt war ohne Landwirtschaft nicht vorstellbar. Für London beschreibt Peter Atkins:

The smell of the city must in certain neighbourhoods have had a distinctly rural bouquet, from horse manure on the streets, and also from the many slaughterhouses and cattle markets. In short, here indeed was rus in urbe, urban farming on a scale that was significant in terms of food output and visual landscape.

Für Mitte des 19. Jahrhunderts wird geschätzt, dass in London und Umland 12 000 Äcker für die Erzeugung von Gemüse und 5 000 Äcker für die Erzeugung von Früchten genutzt wurden. Wichtigster Düngerlieferant waren die 20 000 Kühe Londons. 1850 wurde London zu 80 Prozent aus dem näheren Umland versorgt und auch noch 1880 waren auf den Märkten überwiegend die Produzenten selbst anzutreffen.

Atkins nennt drei Gründe für diesen städtischen Gartenbau:

  1. Der Transport der teilweise empfindlichen Gemüse und Früchte hätte zulange gedauert und die Gefahr einer Beschädigung der Ware wäre zu hoch gewesen.
  2. Die Transport wäre vergleichsweise teuer gewesen
  3. Der Gartenbau war personalintensiv, so dass die Verfügbarkeit von billigen städtischen Arbeitskräften ein Standortvorteil war.

Durch die höheren Bodenpreise in und um London war eine besonders intensive Gartenbauwirtschaft notwendig. Angebaut wurden exotische Früchte (Sellerie, Spargel, Melonen, Ananas) und Früchte außerhalb ihrer Saison. Beheizte Beete und Glashäuser machten dies möglich, benötigten aber teure und komplizierte Pflege. 1870 haben in London und Umland ungefähr 20 000 Personen in der Landwirtschaft gearbeitet. Die Gärtner bestellten 5 000 ha Boden für den Gemüseanbau, 2 000 ha Boden mit Früchten und 400 ha Boden mit Kräutern.

Bis Ende des 19. Jahrhundert blieb der Gemüsegürtel rund um London intakt. Danach kam es zu einem Rückgang der städtischen Landwirtschaft. Atkins sieht dafür folgenden Gründe:

  1. Arbeitskraft wurde teurer und infolgedessen der Spaten durch den Pflug ersetzt. Damit reduzierten sich die Vorteile der kleinen Erzeuger.
  2. Der Ersatz der innerstädtischen Pferde und der Wegfall der Kuhhaltung ließ eine wichtige Quelle für Dünger versiegen.
  3. Die Luftverschmutzung innerhalb der Stadt erschwerte die Bedingungen für den Obst- und Gemüseanbau.
  4. Der Platzbedarf von London wuchs, die Bodenpreise schossen in die Höhe.
  5. Die verbesserten Transportmöglichkeiten machten ländliche Erzeuger konkurrenzfähig.

Literatur

Der Text basiert auf den Veröffentlichungen von Peter Atkins, Durham Universität. Genaue Quellenangaben und ausführlichere Darstellung in: Philipp Stierand (2008): Stadt und Lebensmittel. Die Bedeutung des städtischen Ernährungssystems für die Stadtentwicklung.

Titelbild

Guests, CC by wiecand

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