Zum Haare raufen: Wenn man die Nachrichten aus Politik und Wirtschaft zum Thema Ernährung hört, ist dort wenig Fortschritt im Sinne von Umwelt, Gesundheit und Fairness zu erkennen: Es heißt weiter so. Und eher mehr von dem was schon in der Vergangenheit das Welthungerproblem nicht gelöst, die Belastungsgrenzen unseres Planeten gesprengt und Gesundheit von vielen Arbeitern und Verbrauchern gefährdet hat. Da wünscht man sich manchmal einen Filter, der einem hilft positive Ansätze zu erkennen. Setzen wir doch einmal die viel gescholtene Filterblase positiv ein und richten sie als Lupe auf die Ansätze der neuen Ernährungsbewegung. In dieser Blase wuselt es! Hier sind viele Menschen unterwegs, die alternative Ideen entwickeln und leben. Hier entdeckt man eine beeindruckende Bewegung, die mit imponierender Kraft und Engagement Pilotprojekte schafft. Sie zeigt wie man anders mit Ressourcen, mit Lebensmitteln und Menschen umgehen kann. Diese Food-Bewegung hat sich aufgemacht das Ernährungssystem zu verändern.

Lifehack „Ernährung selber machen“

Das gerade im Bereich Ernährung eine solche Dynamik entsteht, lässt sich nicht alleine mit Handlungsdruck erklären. Notwendigkeit zum Handeln gibt es in anderen Politikfeldern auch. Ein wichtiger Grund für diesen Aufbruch ist relativ simpel aber sehr machtvoll: Genuss und Spaß am Essen. Die Kritik an den Missständen der aktuellen Lebensmittelversorgung steht in der startenden Food-Bewegung nicht im Vordergrund. Meckern würde den Spaß am Essen verderben. Es geht ums Selber- und Andersmachen – mit viel Enthusiasmus und Genuss.

Der andere wichtige Grund für die aktuelle Dynamik ist der Widerspruch zwischen der Kompliziertheit des aktuellen Ernährungssystems und der Einfachheit eines guten Essens. Denn so komplex unser Ernährungssystem auch ist und so undurchsichtig die Herkunft und Inhalte unserer Ernährung scheinen, ein Brot zu backen erfordert weder Ingenieurs- noch Volkswirtschafts-Studium. Die Lifehacks liegen in der Ernährung deutlich näher als in anderen Lebensbereichen. Ein Smartphone lässt sich nicht nachbauen, ein modernes Auto nicht mehr selbst reparieren – aber den Inhalt eines Vorrats- oder Kühlschranks kann mit mehr oder weniger Aufwand problemlos nachbauen. Und die “Duplikate” werde sogar noch deutlich besser als die industriellen Originale.

Ernährungsbewegung: Neustart des Ernähurnsgsystems
Neustart: Am Anfang steht der Samen…

Wer den Blick auf diese Bewegung richtet – muss bei den Verbrauchern anfangen. Hier begann der Aufbruch: Bei Konsumenten, die von ihrer Lebensmittelversorgung mehr verlangen als billig und satt. Es begann bei Menschen, die möchten, dass ihre Ernährung einen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung und zur persönlichen Gesundheit leistet; bei Menschen die Vertrauen und Fairness gegen die aktuell anonymisierten Produktions- und Lieferketten setzen wollen (Stichwort „New Urban Food Needs“).

Verbraucher sein reicht nicht

Die Verbraucher begannen (und sind weiter kräftig dabei) sich Teilbereiche aus der Lebensmittelversorgung herauszubrechen und sie selbst zu organisieren. Unter dem Kopfschütteln von Landwirten und Stadtplaner fingen sie an ihre Stadtviertel urbar zu machen. Sie bauten an den unmöglichsten Stellen Obst und Gemüse an – demonstrativ, gut sichtbar. Was in den Metropolen Berlin, Köln und Hamburg begann, findet sich mittlerweile in allen Ecken Deutschlands. Aus dem Grund für das Kopfschütteln sind Vorzeigeobjekte, Geschäftsmodelle und Forschungsobjekte geworden. Der Verbraucher hat hier seine Rolle als Konsument verlassen. Er ist zum Erzeuger und im nächsten Schritt zum Verarbeiter und Händler geworden. Aktuell nähert sich der Verbraucher dem Ernährungs-Thema auch wieder stärker als Bürger. Ihm reicht es nicht mehr am Supermarktregal zwischen Produkt A und B zu entscheiden. Er möchte den Rahmen, in dem seine Lebensmittel produziert werden, politisch mitgestalten.

Die Wiederentdeckung des politischen am Essen geht einher mit der Wiederentdeckung der Stadt als Raum für Ernährungspolitik. Mit verschiedenen Aktionen (bspw. diese oder diese) und der Gründung von Ernährungsräten in Köln und Berlin und bringt der Bürger das Thema Ernährung auf den kommunalpolitischen Tisch. Spätestens seitdem im letzten Jahr Hundert Kommunen den Urban Food Policy Pact unterzeichnet haben, ist es überdeutlich, dass die Kommunalpolitik wichtige Beiträge zur zukunftsfähigen Gestaltung unserer Lebensmittelversorgung leisten kann und muss. Die neuen Handlungsmöglichkeiten, die von diesen Initiativen aufgezeigt werden, entstehen, weil nicht in den Silos der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik gedacht wird, sondern Ernährung von der Erzeugung bis zur Entsorgung ganzheitlich betrachtet wird.

Neustart: Ernährungsbewegung verändert Ernährungssystem
…die ersten Sprossen sprießen…

Food-Start-Ups sind aktuell einer der dynamischsten Bereiche der Food-Bewegung – dessen volles Ausmaß sich noch weitgehend unter dem Radar von Öffentlichkeit und Politik bewegt. Hier ensteht ein Bereich, der die Food-Bewegung nachhaltig voranbringen und gestalten kann. Wayne Roberts, ein kanadischer Pionier lokaler Ernährungspolitik, ist davon überzeugt, dass diese Unternehmen für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten große Bedeutung haben. Und er liefert eine eindrucksvolle Begründung, wieso die Aktivitäten der Firmen auch darüberhinaus gesellschaftliche Wirkung haben:

“Food offers few opportunities for fast and easy bucks to be made – perhaps the reason why it’s not favored by flashy and gambling types with a quick money scheme, but a good feature for people who prefer living in stable, cohesive and democratic communities.”

Die fehlende Möglichkeit zum schnellen, großen Geld steigert den gesellschaftlichen Nutzen der Lebensmittelwirtschaft.

Die neue Food Economy

Die New Food Economy tobt sich vor allem in den Bereichen Handel und Verarbeitung aus. Im Lebensmittelhandel entstehen ganze neue Formate, die versuchen sinnvolle Lebensmittel im neuen Rahmen zu Handeln. Da gibt es Formate, die sich auf bestimmte Themen konzentrieren. Da wird nur Veganes gehandelt, auf Verpackungen verzichtet, Lebensmittel wiederbelebt, die andere aussortiert hatten, oder ausschließlich Ware aus der Region angeboten. Die neuen Medien werden genutzt um alte Handels-Formate neu zu beleben: so holt die Food Assembly den Wochenmarkt ins Internet. Und da gibt es die Formate die sinn- oder genussvolleren Konsum zum Event machen: Wer hätte gedacht das 2016 Deutschland vorm Imbisswagen (also known as Street-Food-Truck) Schlange steht?

Neustart: Neue Lebensmittelerversorgung
…und die Alternativen gedeihen!

Im Bereich der Verarbeitung erlebt das Lebensmittelhandwerk eine Renaissance: Es entstehen neue Brauereien, Käsereien, Kaffeeröstereien und Unternehmen in vielen anderen Bereichen. Das ist nirgendwo so sichtbar wie in Berlin (z.B. hier oder hier) – dieser Trend ist aber nicht auf die Hauptstadt beschränkt. Die neuen Unternehmer sind oft Quereinsteiger und nutzen Finanzierungsformen wie Crowdfunding zum Aufbau ihres Projektes. Sie betonen Handwerk, Qualität und Regionalität. Lebensmittelhandwerker zu sein, ist nicht nur plötzlich cool, sondern verändert bereits den Lebensmittelmarkt: Die Trend zu handwerklich hergestellten Bieren führt dazu, dass die Anzahl der Brauereien in Deutschland wächst – allen Konzentrationsprozessen zum Trotz (siehe für die Gesamtbranche hier und da).

Die urbanen Gärten haben die Landwirtschaft wieder in die Städte geholt. Sie hatten nicht unbedingt die eigentliche Lebensmittelernte im Fokus, leisten aber trotzdem Großes für die Städte. Die Gärten, in denen die neue Ernährungsbewegung ihren Anfang nahm, beeinflussen auch die professionelle Landwirtschaft. So haben sich in Deutschland Formen der Landwirtschaft etabliert, welche das Verbraucher-Landwirt-Verhältnis völlig neu definieren. Die CSA oder solidarische Landwirtschaft holt den Verbraucher als langfristigen Geschäfts-Partner mit an Bord, die Selbsterntegärten holen den Konsumenten auf den Acker. Und auch der gemeine landwirtschaftliche Betrieb im Umland der Städte kann profitieren: Das Interesse an Produkten aus der Nachbarschaft steigt und ein Partner in politischen Diskussionen wurde gewonnen. Das neue städtische Bewusstsein für Landwirtschaft hat schon jetzt städtische Debatten bspw. über Bodennutzungen verändert. Darüber, dass in dieser Welle eine Faszination für Visionen von hochtechnisierter, finanzintensiver vertikaler und Indoor-Landwirtschaft mitschwimmt, kann man sich aus mehreren Gründen wundern (z.B. aus diesem und jenen).

Neustart mit der Ernährungsbewegung

Filterblasen sind – wenn man die eigentliche Wortbedeutung nimmt – nicht ungefährlich: Wichtige Informationen werden per Algorithmus ausgeblendet, der gesellschaftliche Diskurs untergraben. Das ist nicht die Absicht dieses Blogposts. Außerhalb des betrachteten Filters gibt es Gegentendenzen, welche diese Entwicklungen überlagern, abschwächen und umdrehen. Außerhalb dieser Lupe gibt es eine Mehrheit von Verbrauchern, Händler, Verarbeitern und Erzeugern die komplett anders handeln. Aber macht das die Betrachtung wertlos? Die Frage ist doch, wo gerade der entscheidende Fortschritt passiert. Es lohnt sich die Orte zu suchen, an denen um das Denken von neuen Modellen geht und die Projekte zu betrachten, in denen neue Lebens- und Geschäftsmodelle ausprobiert werden. Wo sind die Labore in denen die Lebensmittelversorgung neu erfunden wird? Hier zeigen die vielen Projekten der neuen Ernährungsbewegung, wie es gehen kann. Im Kleinen werden hier viele verschiedene Ernährungswenden ausprobiert. Hier wird der Neustart unserer Lebensmittelversorgung vorbereitet.

 

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