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Speiseräume gestalten! Urban Food Planning: Ernährung und Umwelt (I-A)

by Philipp Stierand on 12. April 2010

Die Raumplanungs- und Stadtentwicklungsdiskussion hat die Themen Ernährung und Lebensmittel lange ignoriert. Ernährung ist kein städtisches Thema, durch die Raumplanung nicht beeinflussbar und sowieso problemlos – so das Urteil. In diesem und in lose folgenden Beiträgen, soll ein Plädoyer für eine aktive Beschäftigung der Raumplanung mit der Ernährung in der Stadt entstehen. In diesem Teil I-A geht es um die Problemfelder Ernährung und Umwelt, im Teil I-B folgen die Felder Wirtschaft und Stadtstruktur. Teil II wird ein Leitbild für ein städtisches Ernährungssystem entwerfen, die Teile III-A und III-B setzen sich mit Handlungsansätzen der Raumplanung auseinander.

Essen ist für den Menschen Bedürfnis, Genuss und Lust, es ist ein Teil der Tradition, der Alltagskultur und der Individualität. Essen ist (für die meisten Menschen in Europa) nicht in erster Linie Problem. Dies sollte auch auf für die Raumplanung so sein. Das Thema Ernährung hat für eine Stadt viele Chancen und Möglichkeiten, die sich aus der Bedeutung des Essens für die Menschen speisen. Nur die Probleme des Themas zu betrachten, wäre der falsche Ansatz. Trotzdem beginnt dieses Plädoyer mit vier Problemfeldern: Der Handlungsdruck in diesen Feldern soll als Hilfsmittel dienen, dass Thema Ernährung in das Planungsbewusstsein zu rücken.

Ernährung

Ernährung ist die Grundlage jeden menschlichen Lebens, auch in Städten. Die richtige Ernährung ist eine wesentliche Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden. Das ist mühelos und unkompliziert, versprechen zumindest die Angebotsfülle und die Werbung.
Gesundheit: Ernährungsbedingte Krankheiten sind einer der häufigsten Todesursachen und verursachen rund 1/3 der gesamten Krankheitskosten. Übergewicht und Fettsucht werden zum alltäglichen Phänomen. In der Altersgruppe über 35 Jahre sind in Deutschland – laut Ernährungsbericht 2008 – normalgewichtige Männer in der Minderheit (Frauen > 55 Jahre). 15% der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren sind übergewichtig.
Ernährungssicherheit: Die Ernährungssicherheit in Deutschland scheint gewährleistet. Nahrungsmittel in aller denkbaren Vielfalt sind immer und überall verfügbar. Selbst die fußläufige Nahversorgung ist in den Städten noch weitgehend gesichert, die aus den USA und Großbritannien beschriebenen Lebensmittelwüsten haben in deutschen Städten seltenheitswert. Zahlen über durch Armut verursachten Hunger gibt es nicht, nur Hinweise. Die deutschen Tafeln versorgen jede Woche rund 1 Millionen Menschen mit Lebensmitteln. Besonders Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner sind auf die Hilfe der Tafeln angewiesen. Eine “der größten soziale Bewegungen” Deutschlands (Selbstdarstellung Bundesverband Die Tafel) ist eine Anti-Hunger-Iniative!
Eine Stadt möchte ihren Bürgern gesunde Lebensbedingungen und eine Umgebung, die dass alltägliche Wohlbefinden und die Allgemeine Gesundheit fördert, bieten. Übergewicht, Fehl-  und Unterernährung schränkt die Vitabilität und das Wohlbefinden der Bürger ein. Folgen sind auch Kosten für Staat, Gesundheitssystem und Wirtschaft durch Arbeitsausfall und Ausgaben im Gesundheitssystem. Betrachtet aus der Perspektive Speiseraum Stadt heißt das: Wie kann die Stadt den Zugang (finanziell wie räumlich) aller Bürger zu gesunden Lebensmitteln sicherstellen? Kann die Stadt Lebensbedingungen gestalten, die eine gesunde Ernährung fördern? Gibt es räumliche Rahmenbedingungen, die Ernährung beeinflussen und die sich planerisch gestalten lassen?

Umwelt

Die Ernährung des Menschen ist aufwendig. War es früher ein Großteil der Lebenszeit, der für die Ernährung aufgewendet wurde, musste später ein Großteil des persönlichen Budgets für Lebensmittel ausgegeben werden. Heute schlägt sich in den westlichen Ländern der hohe Aufwand vor allem im Umwelt- und Ressourcenverbrauch nieder.
Landnutzung: Rund 50% der Fläche Deutschlands wird von der Landwirtschaft genutzt, rund 30% der globalen Landmasse dient der Fleischproduktion. Für den Sachverständigenrat für Umweltfragen (2004) ist die Landwirtschaft “der wichtigste Verursacher von Belastungen der Ökosysteme und der Reduzierung der Biodiversität, für Beeinträchtigungen der natürlichen Bodenfunktion, für Belastungen von Grund- und Oberflächengewässer und in der Folge von Nord- und Ostsee […].”
Treibhausgase: 20% der in Deutschland verbrauchten Primärenergie wird für das Bedarfsfeld Ernährung ausgegeben. Die FAO geht davon aus, dass alleine die weltweite Tierhaltung (zur Fleischproduktion) für 18% des Ausstoßes von Treibhausgasen verantwortlich ist. Es gibt (umstrittene) Berechnungen, die den Anteil weit höher sehen, aber schon 18% sind mehr als dem Verkehr zugerechnet wird.
Verkehr: Unsere Lebensmittel werden innerhalb Europas fast ausschließlich auf der Straße transportiert, 525 Millionen Tonnen waren es 2004 insgesamt. Unterschätzt wird oft der Einkaufsverkehr, im Vergleich zu einem Schiff voller Bananen oder einem LKW voller Äpfel, ist der Transport des Familieneinkaufs im Kofferraum sehr ineffizient. In Österreich soll der Einkaufsverkehr für 25% der CO² Emissionen der Lebensmitteltransporte verantwortlich sein. Bei Ökobilanzen von Obst und Gemüse überlagert die Wahl des Verkehrsmittels beim Einkauf fast alle Variablen der Produktion.
Das industrielle Ernährungssystem trägt mit zur Gefährdung unseres Klimas und unserer Lebensgrundlagen bei. Und auch lokal beeinträchtigen Landwirtschaft und Verkehr unsere Umwelt. Hier gibt es Optimierungspotenziale in Produktion und Handel, viel Verantwortung liegt jedoch beim Verbraucher. Beispiel: Der Fleischkonsum ist und bleibt ein Klimakiller! Betrachtet aus der Perspektive Speiseraum Stadt heißt das: Wie kann die Stadt eine umweltfreundliche Produktion von Lebensmittel (lokal und global) fördern? Wie kann die Stadt den Lebensmittelkonsum ihrer Bürger hinzu umweltfreundlicheren Optionen beeinflussen? Wie kann die Verteilung der Lebensmittel in der Fläche und in die Haushalte möglichst umweltfreundlich abgewickelt werden? Kann über die Stadtstruktur die Verkehrsmittelwahl beim Lebensmittelkauf beeinflusst werden?

Titelbild

Tomatoes in Mid-air, CC by aaroncorey

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