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Speiseräume gestalten! Urban Food Planning: Wirtschaft und Stadtstruktur (I-B)

by Philipp Stierand on 12. Mai 2010

Fortsetzung von Speiseräume gestalten!, Teil I-A

Die Raumplanungs- und Stadtentwicklungsdiskussion hat die Themen Ernährung und Lebensmittel lange ignoriert. Ernährung ist kein städtisches Thema, durch die Raumplanung nicht beeinflussbar und sowieso problemlos – so das Urteil. In einem vorhergehenden, in diesem und in folgenden Beiträgen, soll ein Plädoyer für eine aktive Beschäftigung der Raumplanung mit der Ernährung in der Stadt entstehen. In Teil I-A ging es um die Problemfelder Ernährung und Umwelt, hier in Teil I-B folgen die Felder Wirtschaft und Stadtstruktur. Teil II wird ein Leitbild für ein städtisches Ernährungssystem entwerfen, die Teile III-A und III-B setzen sich mit Handlungsansätzen der Raumplanung auseinander.

Wirtschaft

Der Lebensmittelkonsum der Menschen ist ein wichtiger Wirtschafts- und Beschäftigungsfaktor. Rund 10% der Beschäftigten in Deutschland arbeiten direkt im Ernährungssystem – von Landwirtschaft bis Gastronomie. Hinzu kommen die Beschäftigten in den Zulieferindustrien. Die Lebensmittelwirtschaft ist spezialisiert, in Teilen hochkonzentriert und überwiegend auf nationaler bis europäischer Ebene organisiert. Nach Wiskerke führt das zur Isolierung, Entwurzelung und Entflechtung von Erzeugern, Verarbeitern und Verbrauchern. Montanari (1993) beschreibt dies schlicht als “Delokalisierung”. Auf das städtische Ernährungssystem haben diese Strukturen folgende Wirkungen:

  • Die Stadt hat innerhalb des Ernährungssystems einen großen Standortvorteil, in ihr konzentriert sich der Konsum. Für die lokale und regionale Wertschöpfung spielt dieser jedoch kaum eine Rolle. Die Umsätze fließen in das delokalisierte Ernährungssystem ab. Lokal verwurzelte Unternehmen, wie die bäuerliche Landwirtschaft und das Lebensmittelhandwerk, können vom lokalen Konsum nur begrenzt profitieren und stehen unter starkem wirtschaftlichen Druck.
  • Für den Verbraucher liegen nicht nur die wirtschaftlichen Effekte seines Konsums im Dunkel, insgesamt ist der Bezug zum Lebensmittel, zu dessen aufwändigen Herstellung, zur Saison und den Produkten der Region verloren gegangen.

Die Organisation der städtischen Lebensmittelversorgung hat für die Stadt nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, sondern wirkt sich auch auf den Verbraucherverhalten und Konsummuster aus. Wie können die Stadt und ihre Region von der Wirtschaftskraft des Ernährungssystems profitieren? Wie kann diese Wirtschaftskraft gestärkt werden? Wie lassen sich für den Verbraucher nachvollziehbare und vertrauenswürdige Strukturen schaffen?

Stadtstruktur

Stadt-/Quartierzentren: Der klassische Ort der urbanen Öffentlichkeit ist der Marktplatz und damit ein Raum, der in erster Linie dem Handel mit Lebensmitteln gedient hat und dient. Ein Wochenmarkt bietet modernen Erlebniseinkauf, sorgt durch seine lokale Einzigartigkeit für ein unverwechselbares Bild und hat so zentrenstützende Funktion. Am anderen Ende der Skala der Verkaufsstätten von Lebensmitteln, liegen die großen Verbrauchermärkte auf der grünen Wiese mit einer eher auflösenden Wirkung auf klassische Stadtstrukturen. Dazwischen gibt es eine Vielzahl von bestehenden und denkbaren konventionellen wie alternativen Verkaufsstätten mit unterschiedlichen Wirkungen auf den Stadtraum.
Mobilität: Konkret messbar wird der Zusammenhang von räumlichen Strukturen der Stadt, des Einzelhandels und des Verbraucherverhalten beim Verkehr. Ein dichtes Netz mit Lebensmittelgeschäften in fußläufigen Entfernungen beeinflusst die Verkehrsmittelwahl weg vom Auto. Für die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines solch dichten Netzes von Versorgungseinrichtungen ist eine Siedlungsstruktur mit hoher Einwohnerdichte notwendig. Darüber hinaus zeigen Untersuchungen, dass diese Siedlungsstruktur einen Einfluss auf die Verkehrsmittelwahl hat: je dünner die Siedlungsstruktur desto häufiger fällt die Verkehrsmittelwahl für den Einkauf auf das Auto und desto schlechter sieht bspw. die Klimabilanz unserer Ernährung aus.
Freiraum: Ungefähr 40% der städtischen Flächen werden von der Landwirtschaft genutzt. Damit ist die Landwirtschaft durchaus mitbestimmend für das Bild und die Lebensqualität unserer Städte. Vielfach wird die stadtnahe Landwirtschaft von den Städten als reiner Flächenbevorrater missverstanden, von wirtschaftlich stärkeren Nutzungen bedrängt und mit den (tatsächlichen und vermeintlichen) Erfordernissen an moderne Lebensmittelerzeugung steht sie im Widerspruch zu den Erwartungen an idyllische Erholungslandschaften und dem Umweltschutz.
Die Arte und Weise der städtische Ernährung und der damit verbunden Konsummuster verändert räumliche Strukturen in der Stadt, belebt oder verödet Zentren wie Stadtrand. Wie muss die Lebensmittelversorgung gestaltet sein, um Nahversorgung sicher zu stellen? Wie lässt sich der Einkaufsverkehr beeinflussen? Wie kann die Lebensmittelversorgung helfen städtische Räume zu entwickeln? Wie kann die Stadt ihre Landwirtschaft fördern und nutzen?

Auch wenn die Problemlosigkeit mit der man im Supermarkt seinen Einkaufswagen füllen kann, es nicht offensichtlich werden lässt: Die Versorgung des Menschen mit Lebensmitteln ist aufwendig, benötigt viele Ressourcen, bestimmt unsere Lebensweise, gestaltet die Städte in denen wir Leben und hat weltweite Auswirkungen. Das Thema Ernährung zieht sich durch viele Teildisziplinen der Stadtentwicklung. Genau betrachtet ist es weniger eine neues Thema, denn eine neue Perspektive in der Raumplanung. Wayne Roberts fasst die Bedeutung des Themas so zusammen: „Food is hot topic these days for two very different reasons. One, there are so many troubling food problems to get upset about. Two, there are so many exciting food projects to get inspired by.“ Die Probleme wurden oben kurz angerissen, so dass in den kommenden Teilen von den Möglichkeiten, Chancen und Genüssen die Rede sein kann.

Welcome to a discussion that affects everybody and invites everyone to make a difference. [...] Creating opportunities to improve food is easier than most people think because of the possibility of bursting heroically trough open doors with programs making use of both ‘low-lying fruit’ and ‘unused capacity’.

Titelbild

La Tomatino – 176, CC by viajar24h

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