„Stellt Euch vor, es ist Rezession und keiner geht hin“, fordert Wayne Roberts seine Leser im Magazin Alternative auf. Als Reaktion auf den wirtschaftlichen Abschwung hätten Politiker visionslos und mit inszenierter Alternativlosigkeit reagiert. Roberts, Leiter des Food Policy Councils Toronto, beklagt, dass der Kampf gegen die Rezession mit einer Abkehr von ökologischer und wissensbasierter Wirtschaft verbunden ist. Dabei könnten Landwirtschaft und Lebensmittel die Basis für eine moderne und wohlhabende Gesellschaft mit zahlreichen „green-collar jobs“ (Grüne Kragen Jobs) sein.

„The possibility of a citizen-led economic recovery that featured agriculture, food and their allied sectors received no serious attention. But it should have, since such an approach could go a long way toward alleviating the ill effects of a downturn today while nurturing more sustainable economic foundations for tomorrow.“

Roberts schlägt vor den Preis für regionale, nachhaltige und gesunde Lebensmittel über Subventionen oder Steuerleichterungen um 10% abzusenken. Wenn der Preis stimmt, würden 3 Millionen kanadische Haushalte solche Lebensmittel kaufen. Auf dieser Basis rechnet Roberts mit 1,5 Milliarden Dollar Subventionen, die einen Umsatz von 15 Milliarden Dollar generieren würden und so 300.000 neue Jobs schaffen.

Weitere 2 Milliarden Dollar möchte er ausgeben, um öffentliche Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse auf den Verbrauch von nachhaltigen Lebensmitteln umzustellen. Nicht nur für die kostspieligeren Lebensmittel sondern auch für das Training der Einkäufer plant Roberts das Geld ein. Ein Teil dieses Geldes solle in eine „Infrastruktur für Zusammenarbeit“ (infrastructure of collaberation) investiert werden. 3000 „Local Food Animateure“ würden eine soziale Infrastruktur schaffen, in denen gemeinsam an Ernährungsthemen gearbeitet werden kann.

„Grüne Kragen Jobs” sollen auch auf den Dächern der Städte entstehen. Roberts will nämlich mit einer weiteren Milliarde Dollar urbane Landwirtschaft „on the top” unterstützen. Auf rund 2000 Flachdächern könnten 10000 Arbeitsplätze für Arbeiter, Ingenieure und Landschaftsgärtner geschaffen werden. Roberts macht kanadische Parkhäusern, Schulen, Einkaufszentren zum grünen Jobmotor.

Rezession beenden und einen Tag die Woche frei machen, dass ist ein weitere Idee aus Toronto. Roberts rechnet vor, dass wenn 400.000 Arbeiter ihre Arbeitswoche auf 4 Tage reduzieren würden, 100.000 zusätzliche Jobs gesichert seien. Den Verlust von einem halben Netto-Tagesgehalt könnte leicht durch einen Einstieg in die Teilzeit-Selbstversorgung im eigenen Garten ausgeglichen werden. Frische Luft, gute Lebensmittel, neue Fähigkeiten und einen Betrag zum Kampf gegen den Klimawandel, gäbe es für die Arbeiter und Nebenerwerbsgärtner als Bonus.

„Food and agriculture are rich in other indirect jobs since they require inputs at both ends – ‘backward linkages’ (goods and services that make modern farming or fishing possible), as well as ‘forward linkages’ (goods and services needed to get food to customers).”

Roberts schließt seinen Artikel selbst damit, dass er sich mehr auf die Möglichkeiten als auf die Probleme seiner Ideen konzentriert. Visionen sind wichtig. Und in einer Vision eines Foodaktivisten, darf das Thema Ernährung auch mal mehr als ein Baustein für eine zukunftsfähige Gesellschaft sein. Ob aber mit einer massiven Subvention bestimmter Lebensmittel nachhaltige Konsumänderungen erreicht werden, darf bezweifelt werden. Welche Strukturen mit 1,5 Milliarden Dollar Zuschüssen geschaffen werden, sollte hinterfragt werden. Regional, nachhaltig und „citizen-driven“ im industriellen Maßstab?

Bei der Betonung der „Grüne Kragen Jobs“ sollte nicht übersehen werden, dass Anbau, Verarbeitung und Handel überwiegend Blaumann- und Gummistiefel-Jobs bietet. Kragen können vor allem im Umfeld des eigentlichen Ernährungssystems generiert werden. Was bleibt und wichtig an der beschriebenen Vision ist, ist die Betonung des Beitrags den Lebensmittel und Ernährung zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten können. Hier will Roberts lokale Strukturen unterstützen, öffentliche Ausgaben umlenken, neue Ideen fördern, Bewusstsein bilden und Wissen schaffen. So kann er eine Infrastruktur schaffen, auf der lokale, nachhaltige Strukturen wachsen können – selbst dann wenn die Subventionen nickt mehr zur Verfügung stehen.

Roberts, Wayne (2009): Eat This Recession. In: Alternatives Journal; 2009, Vol. 35 Issue 6, p30

Podcast: 50 Minuten Interview mit Wayne Roberts zu diesem Artikel